Geburtserfahrung (Interview im VOL.AT))

Wenn der schönste Moment zum Trauma wird.

Interview von Emilia Waanders (VOL.AT) mit Mag.ª Daniela Mittermayr-Zech.

Hier geht es zum Einleitungsvideo

Interviewtext:
Was Frauen nach traumatischen Geburten brauchen
Das Baby ist da – aber die Freude fehlt. Wenn ein Geburtserlebnis alles überschattet.
Wie ein Flashback”
Ein Geburtstrauma wirkt nicht nur im Gedächtnis nach, sondern im gesamten Körper. “Ein Trauma bedeutet, dass das Nervensystem ein Ereignis nicht integrieren konnte”, erklärt sie. Die Erfahrung bleibe wie eine offene Gestalt bestehen. Bestimmte Auslöser – sogenannte Trigger – könnten das Erlebte jederzeit erneut aktivieren.
Wenn eine Frau zum Beispiel mit der Rettung abgeholt wurde, reicht manchmal schon das Geräusch eines Rettungswagens”, sagt Mittermayr-Zech. Der Körper reagiere dann sofort wieder wie in der ursprünglichen Situation – “das ist wie ein Flashback”. Viele Betroffene stellen sich immer wieder die Frage: “Warum ist das so gelaufen?” und finden innerlich keine Ruhe.
Die Mutter ist hochaktiviert und bedürftig”
Für viele Mütter ist besonders belastend, dass sie ihr Baby nicht unbeschwert erleben können. “Sie bemühen sich unglaublich, präsent zu sein”, sagt die Therapeutin. “Aber das Nervensystem ist noch so mit dem Trauma beschäftigt, dass sich das zwischen Mutter und Kind legt.”
Diese fehlende Präsenz nehmen auch die Babys wahr. Sie reagieren häufig mit Unruhe, klammern sich stärker an die Mutter oder schreien viel. “Die Mutter ist selbst hoch aktiviert und bedürftig – und kann das Bedürfnis des Kindes nur eingeschränkt stillen.” Daraus entwickeln sich rasch Versagensängste und Überforderung, nicht selten auch depressive Verstimmungen.
Frauen fühlen sich dann alleingelassen”
Viele Frauen beschreiben das Gefühl, während der Geburt die Kontrolle zu verlieren. “Wenn Frauen nicht informiert werden, wenn über sie hinweg entschieden wird, löst das Ohnmacht und Hilflosigkeit aus”, sagt Mittermayr-Zech. “Und genau das begünstigt Trauma.”
Zusätzlich verschärfen Stress und Personalmangel im Kreißsaal die Situation. “Frauen fühlen sich dann alleingelassen – und Angst ist eine Emotion, die unser Becken zumacht.” Die Geburt könne dadurch ins Stocken geraten.
Trauma entsteht nicht nur bei dramatischen Geburten
Ein Geburtstrauma entsteht nicht nur bei Komplikationen oder starken Schmerzen. “Es kann auch nach einer vaginalen Geburt entstehen”, sagt Mittermayr-Zech. Entscheidend sei nicht die Geburtsform, sondern die Frage: “Wer ist traumatisiert?”
Ein geplanter Kaiserschnitt könne für die Mutter stimmig sein. “Was wir dabei aber oft außer Acht lassen, ist: Wie ist das für das Baby?” Für Kinder sei ein Kaiserschnitt eine “höchst stressige Erfahrung bis hin zu traumatisch”, da die hormonelle Vorbereitung durch Wehen fehle.
Trauma, das ein Leben lang mitschwingt
Besonders eindrücklich sind ihre Berichte über Erwachsene, die bereits als Babys traumatische Geburten erlebt haben. Sie erzählt von einer Frau, bei der die Nabelschnur dreifach um den Hals lag. Werde das nicht integriert, speichere das Nervensystem: Vorwärtsgehen ist gefährlich, die Luft wird eng. Das könne sich später im Leben zeigen – etwa durch abgebrochene Ausbildungen oder Entscheidungen, die wieder zurückgenommen werden.
Auch Männer suchten deshalb Hilfe, sagt sie, etwa wegen Panikattacken, die auf Geburtstraumata zurückgingen.
Therapie mit Mutter, Vater und Baby
In ihrer Arbeit bezieht Mittermayr-Zech oft die ganze Familie ein. “Das Baby beginnt mitzuerzählen”, sagt sie. Wenn Eltern über die Geburt sprechen, reagieren Kinder häufig unmittelbar mit Unruhe, Weinen oder starken Emotionen. Diese Signale würden gemeinsam wahrgenommen und “übersetzt”. “Wenn das anerkannt wird, kann sich das Trauma beim Kind schließen. Das Nervensystem wird ruhiger – das Baby kommt an.”
Trauma, das ein Leben lang mitschwingt
Besonders eindrücklich sind ihre Berichte über Erwachsene, die bereits als Babys traumatische Geburten erlebt haben. Sie erzählt von einer Frau, bei der die Nabelschnur dreifach um den Hals lag. Werde das nicht integriert, speichere das Nervensystem: Vorwärtsgehen ist gefährlich, die Luft wird eng. Das könne sich später im Leben zeigen – etwa durch abgebrochene Ausbildungen oder Entscheidungen, die wieder zurückgenommen werden.
Auch Männer suchten deshalb Hilfe, sagt sie, etwa wegen Panikattacken, die auf Geburtstraumata zurückgingen.
Therapie mit Mutter, Vater und Baby
In ihrer Arbeit bezieht Mittermayr-Zech oft die ganze Familie ein. “Das Baby beginnt mitzuerzählen”, sagt sie. Wenn Eltern über die Geburt sprechen, reagieren Kinder häufig unmittelbar mit Unruhe, Weinen oder starken Emotionen. Diese Signale würden gemeinsam wahrgenommen und “übersetzt”. “Wenn das anerkannt wird, kann sich das Trauma beim Kind schließen. Das Nervensystem wird ruhiger – das Baby kommt an.”
Kann man ein Geburtstrauma verhindern?
Prävention beginne früh. Frauen sollten sich mit ihrer eigenen Geburts- und Bindungsgeschichte auseinandersetzen, auch das System des Partners einbeziehen. Als Paar schon vor der Geburt hinzuschauen, könne Traumata und Wochenbettdepressionen vorbeugen.
Frauen und Familien brauchen eine Wahl”
Gesellschaftlich fordert Mittermayr-Zech mehr Wahlmöglichkeiten. Sie warnt vor der Schließung von Geburtsstationen und langen Wegen. “Eine Geburt ist nicht mit einer Knieoperation vergleichbar.” Ihr Ziel: der Erhalt regionaler Angebote und zumindest ein hebammengeleitetes Geburtshaus. “Frauen und Familien brauchen eine Wahl.”